Ein außergewöhnliches
Phänomen unseres 20. Jahrhunderts ist die Vielzahl von überzeugten, selbsternannten
Kosmopoliten und Weltbürgern. Besonders die Sankt-Ansgarianer besitzen ein
außerordentliches Talent, Fremdsprachen gnadenlos zu adoptieren.
Dieses weitverbreitete Symptom kommt besonders stark zum Ausdruck, wenn
Sankt-Ansgar-Schüler aus den USA zurückkehren. Diese "Atlantic-Crosser"
demonstrieren auf subtile Weise ihren Aufenthalt abroad. Der geschickteste Weg besteht
darin, seinem Zuhörer von seinen Problemen mit der eigenen Sprache zu überzeugen.
Gewöhnlich beginnt der erfahrene "Atlantic-Crosser" ohne zu zögern, in
harmloser Art und Weise, im puren Deutsch zu plaudern. Doch der aufmerksame Zuhörer wird
bemerken, daß der der deutschen Sprache entwöhnte Weltbürger offenbar über deutsche
Satzkonstruktionen stolpert oder zumindest ehrlich bemüht ist, dies zu tun. Ab und an
entschlüpft ihm in einem unachtsamen Moment ein gedankenverlorenes und dennoch betontes
"you know?".
Langsam, aber bestimmt, lenkt der Kosmopolit die Konversation geschickt auf seine
auserkorenen Lieblingsthemen: Ääämmerrika (Amerika) und NYC (Nujorrk Ssssiddi). Nun ist
er nicht mehr aufzuhalten. Sein Zuhörer wird unter einem Wortschwall, bestehend aus
amerikanischen Ausdrücken, Insider-Tips, persönlichen Erfahrungen und allerlei
amerikanischem Slang, begraben. Dem überforderten Gegenüber wird keine Flucht- oder
Atempause gegönnt.
Doch wir sollten nachsichtig sein mit unserem "versed in the ways of life
friends", da er nach langer Abstinenz von der deutschen Sprache jeden englischen Satz
erst ins Deutsch übersetzen muß, und es kann doch schließlich passieren, daß eine
Vokabel "just slipped his mind". Well, mit englischem Vokabular ist er nun
einmal vertrauter - und manche Dinge lassen sich "in the American Way"
natürlich besser erläutern als im Deutsch, you know?
Interessant wird es zweifellos, wenn die neuerworbenen Englischkenntnisse einer
zweiwöchigen Busreise "across the US" zuzuschreiben sind. Ich muß zugeben,
daß die eigene Weltgewandtheit oftmals schwierig durch einen korrekten deutschen Satz zum
Ausdruck gebracht werden kann. Selbst Leute, die nicht die geringste Ahnung von der
englischen Sprache und Grammatik haben und zweifellos nicht imstande sind, einen korrekten
englischen Satz zu konstruieren, besitzen eine Chance, durch galant eingeworfene Floskeln
ihre weltmännischen Erfahrungen zu demonstrieren und sich wie ein "born
American" zu fühlen. Dieser Typ Mensch besitzt die absurde Angewohnheit der
beispielhaft korrekten Aussprache von Fremdwörtern. Doch der Trend fremdsprachlicher
Versklavung sowie die Versuchung, sich als "real American" zu geben, ist für
viele überwältigend.
Dieses Symptom führt zu sprachlich degenerierten Ausrufen, wie: "And than we
gonna drive to Täääxis (Texas) to visit Lääärry Hääägmään (Larry Hagman).
Afterwards we fly to Ssssin Luis, Älbjukörkie and Fienix." Geradezu plump wirken
gegen die verfeinerten Techniken der Sprach- und Wortgewandtheit die Demonstration
amerikanischen Bewußtseins durch das Tragen amerikanischer Bomber- und Baseballjacken.
Selbst die "good old american baseball caps" sind nicht vor einer Imitation
sicher. Vielleicht sollte man, zur allgemeinen Völkerverständigung, das Dirndl in
Amerika einführen.
Doch selbst in der Lehrerschaft gibt es einige begnadete und überzeugte Kosmopoliten,
die besonders darauf bedacht sind, den verwirrten Schülern russische Kleinstaaten und
zimbabwische Redewendungen in perfektionierter Aussprache zuzumuten.
Ein wahrer Kosmopolit kennt sich in Nowosibirsk ebenso aus wie auf Lummerland. Keine
Banalität ist zu geringfügig, kein Landstrich zu unbedeutend, um ihn nicht zum Thema
einer Doppelstunde zu erklären. Oder wer hätte gedacht, daß in Tadschikistan die
Turrrrk-Sprache gesprochen wird und die Nachitschewanische Minderheit in der ASSR der
Tschuwaschen unterdrückt wird?
Ich denke, Sowjetunion-Spezialist Dörnte sollte diesen Themen aufgrund ihrer
außerordentlichen Wichtigkeit im politischen Weltgeschehen ein gesamtes Semester widmen.
Ungeschlagener Trendsetter in Dingen Weltgewandtheit ist jedoch Globetrotter Hardt, der,
jede subtile Feinfühligkeit eines homme du monde mißachtend, seinen Schülern seine
Welterfahrenheit mit der Feststellung "Eure Klausuren korrigier ich im Flugzeug"
aufdrängt.
Alleinig unsere Padres könnten, wenn schon nicht Weltlichkeit, so doch eine Portion
"Weltmännlichkeit" gebrauchen, um sich den raschen kosmopolitischen
Entwicklungen unserer Schule anzupassen.
(nt) |